Der Siegeslorbeer für den ersten längeren Exklusivbeitrag auf dieser Site gebührt Ingrid Krenz, Hamburg-Harburg! Es ist leider die z. Zt. einzige Story :-((

Hornet

Ingrids Fahrt von Basel nach Interlaken zur HPV-Weltmeisterschaft 1999

Ich bin die Strecke mit meinem leichten Kurzlieger gefahren, einer Radius 16 V, mit etwa 20 kg Gepäck. In der Nacht vom Sonnabend, dem 14. zum Sonntag, dem 15. August 1999 kam ich so gegen 03.00 Uhr mit der Bahn in Basel, Badischer Bahnhof an und übernachtete dort im Wartesaal in Gesellschaft von mindestens zwei Dutzend Rucksacktouristen.

Vom Badischen Bahnhof in Basel bin ich sehr früh losgefahren, so gegen 07.00 Uhr. Schon am Bahnhof ist die Veloroute nach Liestal ausgeschildert. Auf Radwege auf Bürgersteigen treffe ich nicht, eine angenehme Stadt. Bis Liestal fahre ich auf der parallel zur Eisenbahn verlaufenden Veloroute. Zu beiden Seiten der Lies erheben sich bewaldete Berge in tiefem Grün. In der Nacht ist starker Tau oder Regen gefallen, der meine Schuhe völlig durchweicht, als ich mal kurz hinterm Busch verschwinde. Zum Glück habe ich noch die Rennschuhe mit und hänge die nassen an die Taschen zum Trocknen. Kurz vor Liestal steht ein mißverständlicher Wegweiser, der einen recht steilen Berg hinaufweist. Oder habe ich schlicht die Veloroute verloren? Ich muß absteigen und schieben. Es ist zwar hübsch hier, viel Wald und Wiesen, und eine Frau longiert auf einer Koppel ein Pferd, aber es sieht nicht so aus, als ob es nach Luzern weiterginge. Ich fahre wieder hinunter in die Stadt. Die als Veloroute ausgeschilderten Straßen sind leider wegen eines Radrennens gesperrt. Uprights! Der Polizist, den ich nach dem Weg frage, sagt mir, ich solle einfach auf der Hauptstraße weiterfahren. Nach etwa 20 km käme dann ein Paß, der aber nicht sehr hoch sei. Ich bedanke mich und folge der Bundesstraße Richtung Luzern.

Wieder in Harburg, die freundlicherweise von Christoph zur Verfügung gestellte Veloroutenbeschreibung studierend, begreife ich, wieso der Polizist mich so abschätzend angesehen hat: Die Veloroute hätte mich über mindestens drei Drei-Pfeile-Steigungen geführt! Die wollte er mir mit dem Gepäck wohl ersparen.

Es fährt sich angenehm hier, erstens weil offenbar am Sonntag sowieso nicht viel Verkehr ist, und zweitens weil die Schweizer Autofahrer deutlich mehr Sportsgeist besitzen und auch Radfahrer als Verkehrsteilnehmer akzeptieren. Am späteren Vormittag begegne ich immer mehr anderen Radfahrern, gemütlichen sowie Rennradlern, die mich natürlich leicht überholen. Die Gebirgslandschaft ist für einen Flachländer wie mich ungewohnt und beeindruckend, aber freundlich. Alles ist grün, es riecht gut, und die Sonne scheint. Auf den steilen Wiesen grasen Kühe, Ziegen und Schafe. Die Glocken der Kühe haben einen tiefen Klang, und je kleiner das Vieh ist, desto heller ist der Klang seiner Glocken.

Dann, der erste Paß in meinem Flachländerleben! Die Straße quert eine Schlucht mit einem rauschenden Bach und führt in Serpentinen bergauf durch den Wald. Ich bemühe mich, nicht nach unten zu sehen. Sehr hoch ist der Hauenstein wirklich nicht, sozusagen ein Paß zum Angewöhnen, die höchste Stelle, die ich um etwa 10.30 passiere, ist 650 m hoch. Indem ich ihr näher komme, erhebt sich der strahlende blaue Himmel über der Straße. Ob sie dahinter wirklich weitergeht? Sie geht. Nach Olten geht es fast nur noch bergab. Die Straße folgt dem Tal der Aare und, ein gerades Stück des Flusses entlangblickend, sehe ich die bekannte überdachte Brücke. Hier lege ich eine kleine Pause ein, um über die Brücke zu spazieren. Die Aare ist hier etwa 50 m breit und reißend, das Wasser ist graugrünlich und trüb. An den Eisabweisern oberhalb der Brücke sind Äste und Stämme hängen geblieben. Auf einer Tafel in der Brücke ist zu lesen, daß seit etwa 1300 eine Brückenverbindung existiert, jedoch einige Male durch Krieg oder Eisgang zerstört worden ist und in der heutigen Form seit 1803 steht.

Hinter Olten, in Aarburg, umrunde ich eine Felsnase, auf der malerisch ein langgestreckter Komplex aus Fachwerkhäusern liegt. In der Nähe von Knutwil begegne ich zwei Radfahrern auf schwerbepackten Reiserädern, die sich in unserem kurzen Gespräch auch als Deutsche erweisen. Hinter Sursee überblickt man von der Straße aus das weite Tal, in dem der Sempacher See liegt, dahinter, im Dunst und schon wolkenverhangen, eine Bergkette. Die Veloroute nach Luzern verläuft auf dem anderen Seeufer, über Sempach. Als ich den See etwa querab habe, beginnt es zu regnen. In Nottwil mache ich eine kurze Rast in einem kleinen Cafe an der Straße und verspeise eine kleine Pizza. Der Regen wird stärker. Bevor ich weiterfahre, packe ich die getrockneten Schuhe in die Tasche, wobei ich die Karten unter ein Vordach auf ein trockenes Fenstersims lege. Ich fahre weiter, Regen oder nicht Regen. Schließlich hatte ich mir für heute Luzern vorgenommen. Die Bewölkung lockert auf, der Regen läßt nach und hört bald ganz auf.

Kurz vor Luzern merke ich, daß ich die Karten in Nottwil vergessen habe. Aus meinem Vorhaben, bei einer Tankstelle Ersatz zu beschaffen, wird nichts, denn die Tankstellen verkaufen wirklich nichts anderes als Treibstoff. Nicht weiter tragisch, denn schon am Ortseingang von Luzern ist Interlaken ausgeschildert. Hier regnet es wieder etwas. Haben sich deswegen diese Menschenmassen unter das Dach der Kapellbrücke verdrückt? Die meisten der dreieckigen Bilder, die Szenen der mittelalterlichen Geschichte Luzerns darstellen, sind 1993 verbrannt. Statt ihrer hat eine Firma für photographisches Material Reproduktionen gestiftet, denen man es aber ansieht. Dieser Verlust macht mich richtig traurig, auch wenn die Bilder teils recht blutrünstig sind und die Knittelverse dazu mit Dichtung nicht viel zu tun haben.

Gegen 15.00 Uhr fahre ich weiter, es klart auf, und der Regen hört auf. Bis Interlaken sind es noch etwas mehr als 60 km, das schaffe ich heute noch. Ich bin wieder in bester Stimmung, vor allem als ich am Vierwaldstätter See entlangfahre. Bis Horw bin ich natürlich nicht die Uferstraße gefahren, sondern die wesentlich kürzere Hauptstraße. Der See besteht eigentlich nur aus Buchten, und nach jeder Straßenbiegung eröffnet sich dem Blick eine andere Bucht.

In der Nähe von Sarnen hole ich zwei Radfahrer ein, einer davon auf einem Flux V 200. Bei der Begrüßung erweisen sie sich auch als Deutsche. "Darf ich raten, wohin Ihr fahrt? - Nach Interlaken?" Sie bejahen. Sie wollen jedoch in einem Ort in der Nähe übernachten.

Ich bin jetzt auf der Seenroute (Nr.9), allerdings nur bis zum Kaiserstuhl. Daß auf dem Wege ein Paß mit starker Steigung liegt, wußte ich aus der Veloroutenbeschreibung. Solange die Steigung nicht mehr als 13 Prozent beträgt, komme ich da hoch. In Giswil am Nordende des Lungerer Sees weist ein Veloroutenschild auf die 500 m Steigung auf 16 km hin, die an diesem Paß zu überwinden sind. Ich krebse mit etwa 9km/h hoch, immer genügend Abstand nach rechts, zum Abgrund haltend, die Augen auf die Straße gerichtet. Einige Rennradfahrer kommen mir in einem Höllentempo entgegen. Die Straße ist schmal, und es herrscht starker Autoverkehr, zumal von Reisebussen. Sie haben aber oft genug Gelegenheit zum Überholen. Ich muß mindestens ein halbes Dutzend Pausen machen bis ich oben bin und brauche beim Anfahren mit dem stark achterlastigen Rad mit dieser unterdimensionierten Übersetzung jedesmal die volle Konzentration. Der Lungerer See, den ich auf der Straße nach Obsee rechts neben mir habe, entschädigt mich mit seinem Anblick für alle Qualen beim Erklimmen der Pässe. Das Wasser erscheint in verschiedenen Abstufungen von Blaugrün, je nachdem Windstille herrscht, eine leichte Brise kleine krause Wellen erregt, eine hellgrüne Wiese oder dunkler Nadelwald sich darin spiegelt. Am Südende des Lungerer Sees steht mir die Auffahrt nach Brünig-Hasliberg bevor. Aber ich bin gut bei Kräften und kann die 9 km/h halten. Jeder Meter ein Sieg über die Schwerkraft.

Zu Hause in Harburg stelle ich fest, daß "meine" Straße nur in der Gegenrichtung beschildert ist und nur Zwei-Pfeile-Steigungen aufweist, die eigentliche Veloroute aber Drei-Pfeile-Steigungen.

In Hasliberg, wo es nur noch leicht bergauf geht, stehen einige Touristen an der Straße und blicken mir nach. Ich winke ihnen gutgelaunt zu. Das Schild mit dem Hinweis auf die Brünig-Passhöhe von 1007 m passiere ich um 18.35 Uhr. Die Veloroute verfehle ich selbstverständlich wieder, obwohl dort ein Schild gestanden haben muß. Aber an die Haslizwerge, die sich in der Gegend aufhalten sollen, glaube ich eh nicht, und außerdem wäre sie ein Umweg gewesen.

Die Abfahrt hatte ich mir entspannter vorgestellt. Nun muß ich aufpassen, daß das Rad beim Bremsen nicht hinten ausbricht, d.h. ich bin mehr oder minder ständig am Bremsen. Mehr als etwa 28 km/h traue ich mich auf den Geraden nicht zu fahren. Bin ich froh, als ich das hinter mir habe. Die harmlosen Streckenabschnitte sind eindrucksvoll genug: Bei der Einfahrt nach Kienholz am Ufer des Brienzer Sees sieht man von der Anhöhe aus an dem gegenüberliegenden Berghang einen schmalen Wasserfall. Hinter der nächsten Kurve fahre ich direkt auf eine hohe Felswand zu. Unmittelbar vor ihr biegt die Straße links ab. An den Felswänden rechts über mir bewundere ich die wirr gefalteten Kalksteinschichten. Ich komme durch Brienz, bei dem, wie ich aber erst in Interlaken erfahre, I und E getrennt gesprochen werden. Es ist ein Touristenkaff. Schnitzereien, Stickereien und andere Souvenirs werden auf englisch und japanisch angeboten. Bis Interlaken am Westende des Brienzer Sees erwarte ich vielleicht noch drei oder vier Ortschaften, aber die Straße zieht noch endlos hin. Im Nachhinein bin ich froh, über Brienz gefahren zu sein, denn die Veloroute hätte noch einige üble Steigungen auf Lager gehabt.

In Interlaken folge ich erstmal dem Wegweiser zum Zentrum und finde am Ostbahnhof eine Karte, anhand derer ich den Weg zur Gsteigstrasse finde. Leider gibt es in dem dörflichen Teil von Interlaken keine Straßenschilder. Der Radfahrer, den ich nach dem Weg frage, sagt mir, die Gsteigstrasse sei die, auf der ich gerade fahre. Bei sinkender Sonne erreiche den Campingplatz Jungfraublick, wo die Teilnehmer und Zuschauer der HPV-Weltmeisterschaft lagern. In der Einfahrt kommen mir wie zum Empfang die Delegationen der Stammtische von Hamburg und Berlin entgegen, Knud, Özden, Bernhard, Joachim, Olaf und Christoph. Sie sind aber bloß auf dem Weg in die nächste Kneipe. Der Mann an der Rezeption gibt mir einen Platz bei den Holländern. Im letzten Tageslicht baue ich mein Domizil für die nächsten acht Tage auf, lege mich hin und schlafe wie ein Bär.

Nicht Ingrid!

Foto: Nils Hinrichsen 1999

Ich hatte mich schon damit abgefunden, den ganzen Montag wegen Muskelkaters nicht laufen zu können, aber so schlecht scheint meine Kondition wohl nicht zu sein. Das etwas schwere Gefühl in den Beinen am frühen Morgen ist schnell wieder weg. Und ich bin froh, die ganze Strecke am Sonntag gefahren zu sein, denn am Montag gießt es wie aus Eimern.

Statistik:

Tachostand in Basel, Badischer Bahnhof: 13968 km

Basel bis Luzern, Kapellbrücke:
Distanz: 109,33 km
Schnitt: 16,91 km/h (Das kommt durch das Schieben bergauf.)
Zeit: 6:27:46

Luzern bis Interlaken:
Distanz: 78,58 km
Schnitt: 19,21 km/h
Zeit: 4:05:26

Tachostand in Interlaken, Jungfraublick: 14152 km. (Wo sind die 4 km?)

Gefahren: 188 km

Hornet

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Diese Seite wurde aktualisiert am: 21.05.2001